Tanz auf der Kippe

Anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten zu 30 Jahre Friedliche Revolution, Mauerfall und Wiedervereinigung möchten wir aus dem großen Fundus der DEFA einen Film vorstellen, der die Atmosphäre in der DDR an ihrem Ende aus der Sicht von Jugendlichen schildert. Für unser Programm haben wir insgesamt zwölf DEFA-Produktionen aus den Jahren 1989 bis 1992 gesichtet und dabei einen Film entdeckt, der zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist: TANZ AUF DER KIPPE von Regisseur und Kameramann Jürgen Brauer.
Wie in allen dieser zwölf Arbeiten geht es auch in TANZ AUF DER KIPPE um Themen und kritische Sichtweisen, die erst zur Zeit der Wende verhandelt werden konnten. Während sich ein Großteil beispielsweise mit Umweltverschmutzung, Perspektivlosigkeit, politischen Repressalien in der Schule oder der Verstrickung mit der STASI auseinandersetzt, kämpft hier der Hauptheld, der 17-jährige Gerat, um Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit in der Gesellschaft.
Auf einer Mülldeponie in Berlin wird der 17-jährige Gerat von drei Männern und einem Polizisten zusammengeschlagen und sein Gesicht in ätzende Lauge getaucht. Im Krankenhaus stellt der Arzt fest, dass das Augenlicht des Jungen nur durch eine Hornhauttransplantation gerettet werden kann. Durch die Verbände im Dunkeln gelassen, laufen die Ereignisse der letzten Wochen noch einmal an Gerats geistigen Auge vorbei. Gerat erinnert sich an die Auseinandersetzungen mit dem Vater, der von ihm verlangt, eine Lehre als Montageschlosser anzufangen und dafür eine verlogene Bewerbung zu schreiben, an die Arbeit auf der Müllkippe, die er sich aus Protest gesucht hat. Vor allem aber denkt er an die verheiratete Claudia, seine ehemalige Lehrerin, in die er sich verliebt hat und von der er sich am Ende verraten fühlt…
Der Film basiert auf dem Buch „Augenoperation“ des sorbischen Schriftstellers Jurij Koch, das 1988 beim Verlag Neues Leben Berlin in der DDR und 1989 unter dem Titel „Schattenrisse“ beim Spectrum Verlag Stuttgart erschienen ist.

Jürgen Brauer
Geboren 1938 in Leipzig. Nahm 1956 ein Studium der Physik an der Technischen Hochschule Dresden auf und besuchte dort u.a. Vorlesungen in wissenschaftlicher Fotografie. Von 1958 bis 1962 studierte er an der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg im Fachbereich Kamera und ging danach als Diplom-Kameramann zur DEFA. 1965 führte er erstmals die Kamera in einem Spielfilm, in Heiner Carows Kinderfilm DIE REISE NACH SUNDEVIT. In der Folgezeit arbeitete er mit den Regisseuren Heiner Carow und Horst Seemann bei mehreren Filmproduktionen zusammen. Seine größten Erfolge als Kameramann hatte Brauer in den 1970er Jahren, so mit Heiner Carows Filmen DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA (1972), IKARUS (1975) und BIS DASS DER TOD EUCH SCHEIDET (1978), mit Frank Beyers DAS VERSTECK (1978) und mit DIE VERLOBTE (1980) von Günter Reisch und Günther Rücker.

1980 führte er zum ersten Mal bei dem DEFA-Film PUGOWITZA Regie. Seine zweite Regiearbeit GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS, eine Adaption des Märchenromans von Gisela und Bettina von Arnim, entstand 1985. Ein Jahr später inszenierte er gemeinsam mit Günther Rücker den Film HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN, in dem er neben der Co-Regie auch für die Kamera verantwortlich war. Weitere Filmarbeiten schlossen sich an.
Nach der Wende arbeitete Brauer verstärkt für das Fernsehen. So führte er bei mehreren Folgen der Reihen TATORT, POLIZEIRUF 110 und Der FAHNDER Regie. Bei der ARD-Serie IN ALLER FREUNDSCHAFT gehörte er von 1999 bis 2013 zum festen Regieteam. Für seine Arbeiten als Kameramann und Regisseur wurde Jürgen Brauer mehrfach ausgezeichnet.

Regiearbeiten von Jürgen Brauer
1980               PUGOWITZA
1984               GRITTA VON RATTENZUHAUSBEIUNS
1986               HILDE, DAS DIENSTMÄDCHEN
1988               DAS HERZ DES PIRATEN
1990               SEHNSUCHT
1991               TANZ AUF DER KIPPE
1992               HIER UND JETZT
1993               ANNA ANNA
1997               LORENZ IM LAND DER LÜGNER
1998               TATORT: BLICK IN DEN ABGRUND
1999-2013    IN ALLER FREUNDSCHAFT
2002               POLIZEIRUF 110: DER SPIELER
2008               POLIZEIRUF 110: KEINER SCHREIT

 

Deutschland 1991
REGIE/DIRECTOR: Jürgen Brauer

Spielfilm/Feature Film (16.2.1991)
97 Min. – Farbe/Colour – DVD


BUCH/SCREENPLAY: Jürgen Brauer, Jurij Koch nach seinem Roman „Augenoperation“
KAMERA/CAMERA: Jürgen Brauer
SCHNITT/EDITOR: Erika Lehmphul
MUSIK/MUSIC: Ralph Hoyer
TON/SOUND: Wolfgang Höfer


DARSTELLER/CAST: Frank Stieren, Dagmar Manzel, Winfried Glatzeder, Eberhard Kirchberg, Christa Pasemann, Peter Prager, Sylvia Burzer, Peter Bause, Stefanie Stappenbeck


PRODUZENT/PRODUCER:
PRODUKTION/PRODUCTION COMPANY: DEFA-Studio für Spielfilme, Künstlerische Arbeitsgruppe Johannisthal
VERLEIH/GERMAN DISTRIBUTION: DEFA-Filmverleih in der Deutschen Kinemathek