Lychen 92

Lychen in Brandenburg, knapp drei Jahre nach der Wende: „Meine Mutter sagt, wenn man die Sommerferien noch immer auf dem Zeltplatz verbringen muss, anstatt wie alle neuen Bundesbürger eine Katalogreise nach Mallorca zu machen, dann gehört man zu den Ossis, die total am Arsch sind“, meint der zwölfjährige Mo und merkt jeden Tag im Urlaub, dass seine Familie wirklich „am Arsch ist“. Denn warum fahren sie wieder auf den öden Campingplatz, warum streiten sich die Eltern ständig, warum ist Vater Sven so oft betrunken, seit er arbeitslos ist, und warum lässt er seine Wut an Mo aus? Fast täglich setzt Sven seinen Sohn einem Überlebenskampf aus, indem er den „miesen Schwimmer“ Mo ins tiefe Wasser wirft.  

Doch nicht nur Mos Familie ist völlig chaotisch, seit es die DDR nicht mehr gibt. Auch die anderen Dauercamper haben mit der neuen Zeit zu kämpfen. Wie der dicke Elmer, dessen „Verräter“-Papa im Westen viel Geld verdient hat und nun krebskrank ist, oder die coole Rieke, die jetzt als Punk voll gegen alles ist. Da beschließt auch Mo, dagegen zu sein und sich vor allem von seinem Vater nicht mehr unterkriegen zu lassen.

Director’s Note (Auszug)
Zum 30. Jahr der Wiedervereinigung lohnt es sich, noch einmal zurückzuschauen – nicht nur zu den Bildern, die wir kennen, jenen von den lachenden und weinenden Menschen, die sich grenzenlos in die Arme fallen, die jubelnd auf der Mauer tanzen, die mit Trabis in den Westen fahren und wie alte, lang vermisste Geliebte empfangen werden, die mit Hoffnung in ein vermeintlich neues Leben gehen. Mein Blick geht ein wenig später los. 1992 als in Rostock die Häuser brannten und sich viele fragten, woher auf einmal der Hass und die Undankbarkeit der Ossis entsprang. In der historischen Aufarbeitung ist dieser Blick unverzichtbar.

Constanze Klaue
Geboren 1985 in Ost-Berlin. Studierte Germanistik, dann Jazzgesang und arbeitete anschließend als Autorin, Texterin und Regisseurin für eine Kölner Werbefilmproduktion, bevor sie 2014 an die Kunsthochschule für Medien (KHM) ging.
Constanze Klaue schreibt als freie Autorin gleichermaßen für Film, Musik und Literatur. 2015 erschien ihr autobiografisches Essay „Unsere Heimat“, ihr Romanprojekt „Motz & Mops“, das bei der Akademie für Kindermedien mit dem Boje-Baumhaus-Medienpreis ausgezeichnet wurde, erscheint bei DTV. LYCHEN 92 ist ihr Diplomfilm an der KHM.

Filme von Constanze Klaue
2015 EINGESCHNEIT
           HENRY
2017 NEUE NACHBARN
2018 ALFREDS KURGARTEN
2020 LYCHEN 92

Deutschland 2020
REGIE/DIRECTOR: Constanze Klaue

Kurzspielfilm/Short Feature Film
30 Min. – Farbe/Colour – DCP


BUCH/SCREENPLAY: Constanze Klaue nach der Kurzgeschichte „Elmer“ von Andreas Steinhöfel
KAMERA/CAMERA: Florian Brückner
SCHNITT/EDITOR: Martin Wunschick
TON/SOUND: Torsten Büttner


DARSTELLER/CAST: Béla Westhaus, Anna Westhaus, Karl-Bruno Hanke, Emil Dieck, Milena Dreißig, Christian Näthe, Tobias Langhoff


PRODUZENT/PRODUCER: Constanze Klaue, Florian Brückner
PRODUKTION/PRODUCTION COMPANY: Kunsthochschule für Medien Köln